Die Expedition nach Elurien

An ihre hochfürstliche Durchlaucht Marthiana Dessurmah von Louan,

werte Marthiana, ich schicke mich an, Euch diese Zeilen zu senden, da ich bestürzt bin über die Entwicklungen, die ich in Neu Auerheim nur von der Ferne aus beobachten konnte. Nachdem ich nun mehrere Monate Euch als Ritter und Fechtmeister zu Diensten war und ihr die Hochzeit mit mir als Möglichkeit erachtet habt, euren Einfluss zu mehren und gleichzeitig, so hoffe ich, das Nützliche mit dem Vergnüglichen zu verbinden, hat man mir nun zu Ohren getragen, dass der Kronrat und Ihr euch gegen eine Hochzeit ausgesprochen habt.
Zudem teilte mir mein Herold mit, solle mir die Grafenwürde entzogen werden sowie das Recht, den Titel eines Inquisitors des heiligen Ordens der Templer des Sigmar zu führen.
Es betrübt mich, diese Entwicklung, gänzlich ohne jegliche Zustimmung meinerseits nun erdulden zu sollen. Noch dazu, wo ich das Gefühl hatte, dass ihr meine Anwesenheit und meine Tatkraft auf dem Fest der Drachen sehr zu schätzen gewusst habt.
Ich habe mich daher entschlossen, da Euer Entschluss festzustehen scheint, mich mit dem Herzog von Bilbali zusammenzutun. Seine Hoheit Alessandro Maria Mendoza de Figuredo hat sich angeboten, die Expedition in die Terra Leonis zu fördern und Geldmittel sowie Schiffe zur Verfügung zu stellen. Er nannte als Bedingung, dass ich als Lehnsmann mich ihm unterstelle und bot mir eine neue Grafschaft an.
Da Ihr meine Gunst nicht länger zu wünschen scheint und mir zudem meine Lebensgrundlage, namentlich das Lehen Estrenar, nehmen wollt, habe ich mich entschieden, die Expedition unter ein neues Banner zu stellen.
Wir werden Truppen, Siedler und Zeug sowie Tross nun unter die Führung und das Wappen des Herzogs stellen und unser neues, eigenes Glück versuchen.

Ich hoffe, dass eine diplomatische Beziehung in späteren Jahren möglich sein wird und dass der Kronrat Euch irgendwann noch einen Ehemann zustehen wird. Die Lehensmänner in Louan scheinen sehr eifersüchtige Männer zu sein…

Ich wünsche Euch, werte Marthiana, von Herzen alles Gute. Möge Euer Reich erblühen und nicht von Süden her überrannt werden.

Meine Truppen brechen morgen über Land und über See auf. Lebt wohl.

In tiefster Verehrung und mit gebrochenem Herzen verbleibe ich,

Euer Khalil

Graf von Estrenar, Baron von Hellendahl, Baronet of Ettrick and Lauderdale

Logbuch des Kapitäns

Tag 1 der Expedition

Heute ist ein großer Tag für die Männer. Nachdem wir nun über sieben Monate lang Vorbereitungen getroffen haben, stechen wir heute in See.
Zwei Konvois wird es für die Expedition in die Terra Leonis geben. Einer zu Lande mit dem Hauptheer und den meisten Siedlern und einer zu Wasser. Die Flotte startet von Grauhafen und Neu Auerheim und trifft sich in einem Verfügungsraum nahe der Insel, nördlich von Neu Auerheim.
Der Herzog trat heute vor die Männer und hielt eine feurige Rede. Er scheint sehr ambitioniert. Ich hoffe, dass er die Männer nicht zu sehr unter seine Fuchtel nimmt. Alessandro ist jung und ehrgeizig. Solche Wesenszüge haben schon manchen Soldaten das Leben gekostet. Aber reden kann er und seine Vision von einem neuen Reich unter einer Fahne kann ich nur mit vollen Herzen unterstützen.
Eine wirklich imposante Figur der Herzog. Breitschultrig, aber dennoch von jungem Antlitz, ein bisschen Bubenhaft mit seinem rotbraunem Schopf. Die stahlblauen Augen scheinen ins Fleisch der Männer zu schneiden und in ihre Seelen zu blicken. Er wusste genau, wie er die Soldaten und Siedler motivieren konnte. Er erzählte Geschichten von neu erschaffenen Städten, gehobenen Schätzen und blitzenden Dächern neuer Siedlungen, fernab der Heimat und bot damit ein Ziel. Wohlwissend, dass bei dem Unterfangen sicherlich mit Verlusten gerechnet werden muss.
Ich habe alles getan, um Krankheiten auf der Seereise zu vermeiden. Obst wurde geladen und Gemüse, um Skorbut und Unterernährung zu unterbinden. Wenn alles gut geht, können wir in zwei bis höchstens drei Wochen anlegen.
Graf Khalil hat beschlossen, dass die Schiffe fern der Startpunkte der Bodenexpedition anlegen. Er hatte die ursprüngliche Planung der Expedition übernommen, bis sich der Herzog von Bilbali mit seinen Golddukaten eingekauft hatte. Dennoch, für mich ist der Graf nach wie vor Kopf der Expedition, auch wenn der Herzog nun der Herr ist.
Wir wollen weit im Westen anlanden. Am besten wo die Gewässer seicht sind und wir mit unseren Booten die Tiere, Truhen und Menschen gut überschiffen können.

Ich habe eben das Kommando zum Anker lichten gegeben. Eine frische Brise weht – wir werden also gut auslaufen können. 44 Schiffe: Galleonen, Koggen und Karavellen warten auf meine Befehle. Über 8000 Mann… ein gewaltiges Heer für eine neue Welt. Gedenket dieser Stunden, denn wir brechen auf, in eine neue Zeit.

Mögen die Götter uns wohlgesonnen sein.

gz. Don Francesco de Avilar
Kapitän

Tag 12

Die Reise verläuft gut. Die Männern sind guter Dinge. Haben heute Schwertfische gesehen, die einige Boote längere Zeit lang begleitet haben. Majestätische Tiere, wie die Fechter in den Schwertschulen meiner Heimat.
Ich vermisse Estrenar und Neu Auerheim ein wenig. Zwar wartet auf mich, so die Götter wollen, im neuen Reich an angesehener Posten als Admiral und ich werde die Aufgabe erhalten, nicht nur für die erste Sicherheit des Landes zu sorgen, sondern auch die Kriegsmarine des neuen Landes aufzubauen, aber die heimischen Gefilde hinter sich zu lassen ist doch schmerzlich.
Zum Glück konnte ich Donna Lucia überreden zusammen mit den Kindern mitzukommen. Für einen Augenblick dachte ich, sie würde sich gegen mich stellen und in Neu Auerheim bleiben. Das Leben einer Soldatenfrau ist nicht leicht. Ich verstehe sie. Aber so werde ich meine Kinder aufwachsen sehen können und sie haben ihren Vater.
Ich frage mich, wie das neue Reich sein wird und ob der Herzog ein gerechter Herrscher für uns alle ist. Ich bete dafür. Und für eine weitere gute Überfahrt.
Man sagt, dass in der Terra Leonis fremde Wesen wohnen sollen, die die Gestalt von Tieren annehmen können. Ich habe deshalb heute mit meinen Offizieren gesprochen. Sie sollen die besten Bogen- und Armbrustschützen auswählen und eine Elite-Garde formieren. Ich will auf diese Art Überraschung gut gewappnet sein. Die Männer werden träge. Jetzt wo sie schon seit Tagen an Bord sind, fehlt ihnen das Training und der normale tägliche Ablauf. Ein wenig neuer Elan kann hier also nicht schaden.
Das schlimmste für mich aber sind die Männer der Leibgarde des Grafen. Diese Elben haben auf Schiffen einfach nichts zu suchen. Sie bringen sicher Unglück. Die Männer sind schon ganz unruhig wegen der Fremdländer. Der Graf hat sie von irgendeiner seiner Reisen mitgebracht. Und auch wenn ich den Grafen als direkten sowie ehrenhaften und dekorierten Kämpen schätze, diese Spitzohren taugen auf See nichts. Und diese verfluchten Adler fressen uns noch die Mütze vom Kopf. Allein für diese zehn Tiere habe ich so viel Futter mitnehmen müssen, ich hätte ein halbes Banner Männer damit über die See bringen können. Nun ja, immerhin ist der Anführer der gräflichen Garde, dieser Elarion Feuerherz ein scheinbar ehrenhafter und sehr gebildeter Mann. Seine Fechtkunst ist auf jeden Fall beachtlich. Mit meinem Spada da filo hatte ich keine Chance gegen seine filigran wirkenden Schwerer. Die Männer waren erstaunt, dass dieser kleine, schmächtig wirkende Mann über solche Reflexe und vor allem über so eine Stärke verfügte. Ich selbst war überrascht.
Diese Elben… man sieht ihnen ihr Alter einfach nicht an. Wahrscheinlich stand der Kerl schon in zehn Mal mehr Schlachten auf dem Feld als ich. Und noch dazu ist er so unverfroren und reitet auf einem Adler in die Schlacht. Bastarde. Aber den Grafen beschützen können sie wohl. Nicht umsonst hat er uneingeschränktes Vertrauen zu ihnen. Ich behalte sie dennoch lieber weiter im Auge. Schon allein deshalb, weil ich nicht will, dass die Männer irgendwann selbst Hand anlegen und sich von dem Fluch eines Spitzohrs auf einem Schiff selbst befreien. Eine Meuterei können wir nicht gebrauchen. Ich sollte vielleicht mehr Rum ausgeben und die Männer feiern lassen. Je ausgelassener sie sind, desto weniger denken sie hoffentlich an Zwist und schlechte Omen.

Wenn alles gut geht, erreichen wir wieder die Küste in wenigen Tagen. Das Wetter scheint sich jedoch zu zuziehen. Leutnant Berg sagte mir heute morgen, die Wolken hingen verdächtig tief. Mittags hat es stundenlang geregnet. Erst kurz vor abend klarte es auf und die Sonne kam noch ein wenig durch. Es ist kalt hier. Vielleicht hätten wir nicht im Spätherbst aufbrechen sollen. Wenn der Winter streng wird, werden viele sterben. Denn die ersten Monate werden wir keine Felder bestellen können und müssen leben von dem, was uns die Natur im neuen Land schenkt und was wir ihr mit unseren Menschenhänden abringen können.

Es wird schon alles gut gehen. Ich wünsche mir für meine Kinder ein besseres Heim.
Zeit, die Nachtwache zu überprüfen. Bisher habe ich noch keine Meldung erhalten.

Ich habe angeordnet die Vertauung der Kisten zu überprüfen, falls es doch stürmisch wird.

gz. Don Francesco de Avilar
Kapitän