Ceridentum

Von der Schöpfung und ihrem Fall

Der Eine erschuf die Menschen und die Welt. Als Beschützer und Bewahrer seiner Schöpfung erschuf er die Gotteskinder. Nach vollbrachtem Werk überließ der Eine seine Schöpfung den Gotteskindern. Er schuf diese dienstbaren Wesen, um die Sonne über den Himmel zu leiten, den Regen zu bringen und die Früchte des Feldes wachsen zu lassen. Bozephalus, eines der Gotteskinder, sollte den Menschen die Weisheit lehren. Er lehrte zu Anfang den Menschen die Jagd, das Feuermachen, den Ackerbau, die Schrift und die Kräuterkunde. So schufen die Menschen damit eine gottgefällige Kultur und begannen über sich hinauszuwachsen. Denn es ist den Menschen eigen, Neues zu schaffen, darin sind sie das Abbild ihres Schöpfers. Bozephalus aber sah, daß ihn seine Schüler eines Tages überflügeln würden, und wurde neidisch. Am liebsten würde er die Menschen wieder dumm machen, aber dies hätte seiner Natur als Lehrmeister wiedersprochen. Also begann er die Menschen die schlechten Dinge zu lehren: Er lehrte sie die Lüge, den Verrat, die List, die Heimtücke und schließlich gar die Magie. Für diese Gaben war der Mensch aber noch nicht reif genug, und Krieg und Chaos überzogen die Welt. Die anderen Gotteskinder, welche beharrlich die Schöpfung behüteten, stiftete der Irrlehrer an, sich selbst zu Göttern emporzuschwingen und sich von den schwachen Menschen anbeten zu lassen.

Der Ursprung des Ceridentums



Als der Eine dieses Frevels gewahr wurde, wollte er die Welt strafen und ließ seinem göttlichem Zorn freien Lauf. Nur wenige Menschen waren noch, die den Versuchungen der falschen Götter nicht erlegen waren, und einer unter ihnen war Ceridon. Vor etwa tausend Jahren stieg er auf den höchsten Berg des heutigen Friedlands empor und schrie zum Einen hinauf, er möge Gnade und Vergebung walten lassen. Als der Eine aber sah, daß es doch noch aufrechte Menschen auf Erden gab, stieg Er hernieder und offenbarte sich Ceridon, der so großen Mut bewiesen hatte. Er handelte mit seinem aufrechten Knecht einen Kontrakt aus: Wenn es ihm gelänge, die Menschen zum Guten zu bekehren, so daß sie von ihren falschen Götzen abschwörten, dann werde sich der Eine nicht von der Welt abwenden, sondern sich erbarmen und die Seelen der Aufrechten zu sich nehmen. So ging der tapfere Ceridon hin und verkündete den Willen des Einen, durch hingebungsvolle Predigt wie auch durch Feuer und Schwert. Der Eine sendet von Zeit zu Zeit seine Zeichen, Propheten und Heiligen, um die Menschen an seinen Kontrakt zu erinnern.


Hilarius, der Erleuchtete



Vor über hundert Jahren wirkte in Friedland, Lyrien und Heligonia der Prophet Hilarius. Er hatte in einer göttlichen Vision den Willen des Einen geschaut: Die Kirche sollte erneuert werden, die Ceridenheit mußte wieder zu den alten Werten zurückfinden. Er selbst nannte sich aber den letzten Propheten – er sei der letzte göttliche Fingerzeig vor der schicksalshaften Entscheidung, die der Eine über die Menschheit fällen würde! In nur wenigen Jahren sammelte der charismatische Hilarius sechs Jünger um sich, darunter auch hohe Vertreter der alten Geistlichkeit. So konnten die Kirche und mit ihr die Gläubigen fast vollständig reformiert werden. Hilarius brachte den Menschen die sieben Manifeste des wahren Glaubens, die seitdem die verbindliche Grundlage für jeden Ceriden sind. Ceridon und Hilarius sind in der ceridischen Religion gleichberechtigte Größen. Allerdings erfreut sich die Verehrung des letzten Propheten inzwischen größerer Beliebtheit, da die Zeit seines Wirkens den heutigen Menschen näher ist.


Das Jenseits

Wenn ein Mensch stirbt, schickt der Eine seine Himmelswesen, um ihn mit der Seelenwaage zu prüfen. Hat er sich bewährt, so darf die Seele ins göttliche Paradies Einzug halten.  Solche Seelen, die sich schon auf Erden dem Bösen verschrieben haben und seinen tückischen Verlockungen erlegen sind, fahren zu Bozephalus, wo sie den Höllenfürsten dienen müssen und die Geißel der Sterblichen sind.

Die Ceridische Kirche heute

Die Ceridische Kirche ist von Hilarius vollständig erneuert worden. Die wichtigsten Werke der Ceriden sind das Luxarium und das Hilarium, die gesammelten heiligen Texte des Hilarius und seiner Jünger. Die Ceriden machen sich von ihrem Gott kein Bild, wie es die Heiden mit ihren Götzen tun. Das Zeichen des Einen ist seit Ceridons Zeiten das Auge. Denn der Eine blickt wachsam auf die Menschen, um sie in guten und schlechten Zeiten zu leiten. Daneben gibt es seit der Erneuerung als Zeichen des Hilarius, das Kreuz. Es symbolisiert die vier Himmelsrichtungen, in die sich die Mission der Ceriden erstrecken soll. Seit Hilarius verwenden die Ceriden daher das Kreuz, von dessen Schnittpunkt das Auge blickt. Im Gegensatz zu der Priesterschaft anderer Religionen enthält sich die Kirche der Ceriden nicht der weltlichen Macht. Vielmehr sind hohe geistliche Würdenträger auch oft mächtige weltliche Herren. Durch die Verknüpfung beider Gewalten, glauben die Ceriden, können die Kirchenväter ihre Mission besser erfüllen. Die Kirche ihrerseits ist aufgeteilt in verschiedene Orden, die sich meist auf einen der sechs Jünger des Hilarius zurückführen lassen, und jeweils verschiedene Aspekte der Religion betonen.

Die wichtigsten Heiligen der Kirche



Hilarius als Erleuchteter des Einen und Erneuerer des Ceridentums nimmt den höchsten Rang unter den Heiligen ein. Seine sechs Jünger folgen in der Rangfolge direkt nach ihm. Sie führten sein Werk fort und gründeten die heutige ceridische Kirche. Viele Orden der Kirche gehen direkt auf die Gründung durch einen Jünger zurück oder beziehen sich auf einen dieser.

Die sechs Jünger des Hilarius sind:


Aurelius, der Bewahrer



Er ist der Gründer der heutigen heiligen Kirche und der Hilariusiten. Sein Zeichen ist die Schriftrolle. Aurelius war ursprünglich ein altceridischer Abt und der erste Jünger des Hilarius. Er hat die vollständigsten Aufzeichnungen von Leben und Lehre des letzten Propheten verfaßt.


Cadorus, der Ankläger

Er gründete die Bannkreuzer und die Inquisition. Meist wird er mit einer brennenden Fackel dargestellt. Cadorus hatte im Auftrag der altceridischen Kirche Hilarius vor Gericht gestellt, der als falscher Prophet angeklagt worden war. Am Ende des einjährigen Prozesses stand jedoch kein Schuldspruch – Cadorus wurde von Hilarius bekehrt und zu einem seiner glühensten Anhänger. Cadorus war der letzte Jünger: Seine Bekehrung markiert den Wendepunkt in der Mission Hilarii, die schließlich auch innerhalb der altceridischen Kirche auf allgemeine Anerkennung stieß und sie vollständig reformierte.


Pretorius, der Reisende

Inspirierte die Pretoriusaner zu ihrem Orden. In Darstellungen ist er an seinem typischen Wanderstab erkennbar, den heute noch die Bischöfe und Äbte als Zeichen ihrer Mission tragen. Pretorius ließ alles hinter sich, um die Weisung Hilarii wortgetreu zu erfüllen: Auf seinen langen und gefahrvollen Wanderungen verkündete er das Wort des Einen bis an sein Lebensende. Keiner weiß wohin es den heiligen Pretorius auf seinen Reisen geführt hat aber er ist wohl für viele der ceridischen Gläubigen fern von Lyrien verantwortlich. Er ist der Schutzpatron aller Reisender.


Severinius, der Wächter



Die Templer von Reutin beziehen sich auf ihn und verstehen sich als die Beschützer der Kirche. Ihr Zeichen ist der Schild. Severinius verteidigte Hilarius mit seinem Leben, als dessen Feinde ihn vor das Kirchengericht stellen wollten.


Wladislaw, der Krieger

Die Schwertbrüder beziehen sich auf diesen Heiligen und sehen sich als die trutzige Faust des Ceridentums. Ihr Symbol ist das Schwert. Wladislaw brachte die Mission mit dem Schwert voran und bekämpfte die Ungläubigen unter Ceriden und Heiden, die dem Wort des Hilarius keinen Glauben schenken wollten. Wladislaw ist der Schutzheilige Wolkowiens.


Lucretia, die Kunstvolle



Der Orden der Lucretianerinnen führt sich auf das Wirken dieser Heiligen zurück. Lucretia sah ihren Auftrag darin, die Welt als Paradies auf Erden zu gestalten – denn dies wird das Diesseits sein, wenn die Menschheit einst bekehrt ist. Ihr Ordensymbol ist die Rose als Ausdruck der Vollkommenheit. Lucretia ist die Schutzheilige aller Musiker, Künstler und Kunsthandwerker.

Ceriden sind – erst recht seit Hilarius‘ Predigten – eifrige Missionare, denn sie wissen, daß nur ihre Taten die Welt vor dem Untergang zu retten vermögen. Bozephalus aber lauert noch immer. Sein Wirken ist es, daß böse Geister und Dämonen die Sterblichen heimsuchen und daß dunkle Götter sich erheben. Natürlich dürfen die Ceriden keine anderen Götter dulden, glauben sie doch, daß diese Kinder des Einen Verrat an der Schöpfung begangen haben und die Menschen verwirren. Den Anhängern von anderen, „guten“ Gottheiten begegnen reisende Ceriden oft mit einem gewissen missionarischem Eifer – schließlich haben diese armen Seelen zwar das Herz am rechten Fleck aber noch nichts vom wahren heilbringenden Glauben gehört!


Magie und Ceriden

Magie wird allgemein unter den Ceriden als Werkzeug des Bösen angesehen. Sie muß gemieden, wenn nicht sogar bekämpft werden. Die meisten Ceriden meiden lediglich die Zauberei, nur der Orden der (lyrischen) Bannkreuzer verfolgt sie durch die heilige Inquisition. Deshalb ist es sehr gefährlich, sich in den Einflußbereichen der ceridischen Kirche zur Magie zu bekennen. Magie ist die Krone der Schöpfung und sollte dem Menschen erst gegeben werden, wenn er reif dafür ist. Doch Bozephalus gab sie dem Menschen schon vor der Zeit, um damit Chaos und Vernichtung in die Welt zu bringen. Ceridische Priester beherrschen selbstverständlich keine Art der Magie, wiewohl der Eine sie vor den Machenschaften seines Gegners Bozephalus beschützt und ihnen deshalb die Fähigkeit gegeben hat, die unheilige Magie zu bekämpfen.


Liturgie



Die hochoffizielle Begrüßungsoder auch Segnungsformel unter Ceriden lautet: „ER weilet unter uns!“, woraufhin der Angesprochene antwortet: „Zu allen Zeiten!“. Die Sechs und die Sieben sind den Ceriden heilige Zahlen, während die Neun, eine umgedrehte Sechs, als unheilbringende Zahl des Bozephalus gilt. In den Meßfeiern bringen die Priester dem Volk den Glauben nahe, da nur die wenigsten in der Lage sind, selbst die heiligen Schriften zu lesen. Heiligenkärtchen sind ein wichtiger Bestandteil ceridischer Frömmigkeit. Zu besonderen Anlässen, in Gottesdiensten und zu Feiertagen werden diese handgemalten Heiligenbildchen von Geistlichen an die Gläubigen verteilt. Nach allgemeinem Glauben bekämpfen die Arten alle Karten von Übel, darunter auch Magie, denn die gute Kraft des Eynen wohnt den gesegneten Ikonen inne.

Den Heiligen wird verschiedenes segensreiches Wirken nachgesagt:

Severinius: Allgemeiner Schutz (vor Feinden, wilden Tieren), Verteidigung, häuslich, defensiv

Lucretia: Gelingen von Handwerk, Kunst, Musik
Wladislav: Kampf, Mut, Tapferkeit, offensiv
C

adorus: Wahrheitstreue, Anklage, Schutz vor Behexung und Wahnsinn, Aufdeckung aktiv versteckten Wissens, väterliche Zucht

Pretorius: Schutz auf Wanderschaft und Reise

Aurelius: Entscheidungshilfe, klarer Wegweiser, Durchblick, Gelehrsamkeit, Knotenlöser

Hilarius: Gegen und für alles gut.

Die Karten werden in den Klöstern von Mönchen hergestellt und von Priestern geweiht. Auf der Vorderseite zeigen sie einen Jünger des Hilarius mit seinen typischen Insignien, auf der Rückseite ein kurzes Gebet, welches das Wirken des Schutzheiligen beschreibt.
Verfehlung und Buße

 

Der Ceride

Die Ceriden kennen keine Vergebung auf Erden. Der Eine wird mit seiner Seelenwaage die guten und die schlechten Taten einer Seele gegeneinander aufwiegen. Schlechte Taten können also nur durch gute Taten vor dem Richterstuhl des Einen wieder ausgeglichen werden, und darauf sind fromme Ceriden auch stets bedacht. Auch wenn zum Beispiel der Fürstbischof einerseits seine Schutzbefohlenen bluten ließ und damit nicht gerade im Sinne des Fünften Manifestes handelte, ließ er andererseits Kirchen und Klöster errichten und im Ausland missionieren – vollbrachte also durchaus gut-ceridische Taten. Die studierten Geistlichen sind Experten im Aufrechnen von Verfehlungen und Sühnetaten. Wer also im Sinne der Manifeste und sonstigen Weisungen gesündigt hat, der bringt seine Untaten in der Beichte dem Priester vor. Dieser entscheidet dann, welche Wiedergutmachung der Verfehlte zu leisten hat. Im alltäglichen Bereich ist dies oft eine Entschädigung des etwaigen Opfers, hängt also mit ganz profanem Recht zusammen. Bei größeren Verfehlungen werden als Buße gerne Pilgerfahrten auferlegt. Eine schwere Sühne (oder auch Vorsorge für das Seelenheil) ist die Auferlegung einer Mission: Ritter und Geistliche geloben bisweilen eine Reise in ferne heidnische Länder, um den Menschen dort das Licht des Glaubens zu bringen. Solche Missionsreisen können ganz friedlicher Natur sein oder in blutigen Kreuzzügen enden. Immer jedoch ist die Buße mit Gebeten verbunden, die die Geistlichen den Gläubigen auferlegen, um den Beistand der Heiligen zu erflehen. Eine kleine Spende an die örtliche Kirche gilt als Selbstverständlichkeit, je nach Vermögen des Gläubigen, auf dem Land auch oft in Naturalien. Dieser Aspekt wird von dekadenteren Kirchenvätern, vor allem im Orden der Hilariusiten, zuweilen etwas zu weit getrieben, so daß es mancherorts sogar zu regelrechter Ablaßkrämerei kommt. Doch gibt es immer wieder Prediger, die eine sol che Handhabe als üble Hoffart geißeln. Nach ceridischer Glaubenslehre ist alles Handeln und Denken Verfehlung, was gegen die Sieben Manifeste verstößt, welche die verbindliche Richtlinie für jeden Gläubigen sind. Bezeichnend für die Manifeste ist, daß hier kaum die grundlegenden sozialen Umgangsformen geregelt werden: Von Diebstahl, Mord und Totschlag, Ehebruch oder Lüge ist hier nicht explizit die Rede. Solche Umgangsformen und Verstöße dagegen werden im allgemeinen Zivil- und Strafrecht geregelt, das im Volk oft mündlich überliefert und schriftlich von Geistlichen festgehalten ist. Auch ein übler Mordbrenner (insbesondere gegen Heiden) kann ohne weiteres ein guter Ceride sein. Jeder Mensch ist im vierten, zentralen Manifest aktiv aufgefordert, den wahren Glauben zu verbreiten. Viele Verstöße können als Verstoß gegen dieses Gebot interpretiert werden. Sehr auffällig sind die beiden Manifeste, die das Feudalsystem stützen und wie kein anderes deutlich in das Zusammenleben der Menschen eingreifen – ein besonderes Anliegen des Ceridentums, weshalb diese Religion bei den Mächtigen auch so beliebt ist. Die Manifeste behandeln aber weniger Verfehlung der Menschen gegeneinander, sondern vielmehr die Verfehlung des Menschen Gott gegenüber. Natürlich kann auch jede Verfehlung unter Menschen als Verfehlung gegen den Einen interpretiert werden – je nach Bedarf und Zeitgeist.

(c) Stefan Rampp, Anton Balluff, Inés und Marc Hermann

Egänzungen und Abwandlungen lyrisches Ceridentum (c) Nebellegenden e.V.

Ergänzungen und Abwandlungen für Rhodien (c) Michael Engelhardt und Marc Baecker